"one always most loves what's just been done" (Robert Creeley)
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Austern
1
Um nichts in der Welt hättest du sie bestellt:
"Ein Einfall, ganz wie er dir ähnlich
sieht - immer das Oberste vom Menü,
idiotisch, selbstverliebt, maßlos überschätzt.
Stell ein gestaltloses Nichts auf den Tisch,
verleih ihm Schalen, servier es in Butter, Öl,
Fruchtsauce und Vinaigrette, widme ihm
eignes Besteck – schon bist du überzeugt.
Gäb es keine Zitronen, du spürtest nur Schleim."
2
Und doch, auf Stilleben im Fackelschein,
Willem Calf, niederländischer Meister, Liebhaber
des Schattenreichs, von Zwielicht auf totem Objekt,
hatte sie nicht aus Eitelkeit in der Mitte platziert.
"Wie einst die Welle, so bricht jetzt sich
an ihnen der Sonnenreflex, und wie
die Perle wächst wo ewige Finsternis herrscht
(solang zum Verzehr keiner die Schalen kappt),
ist das Geheimnis der Bilder unterm Firnis versteckt."
3
Keine Antwort darauf –
Welcher Fischer sie zog aus dem faulem Schlamm?
Oder: vor welcher Küste sie angespült?
Oder: welche Reuse ihr Verhängnis gebracht?
Kein Imbiss für gierige Zungen,
zu pikant für die christliche Liturgie,
zu erlesen und fremd für den Zeugungstrieb,
blieb ihnen das Geheimnis im Firnis der Staffelei,
die französische Küche, die flämische Bijouterie,
ein galanter Lederrücken im Giftschrank der Bibliothek.
4
Wir hatten Regen
doch kein Gefäß
ihn zu sammeln, am
Meergrund die Muschel
blieb ungerührt. Ein Fass
ohne Boden über sich,
ein Himmel
der sich nicht füllen lässt
mit Essig und Salz (denn
Tränen fallen in Furchen
und Meer), eine Sonne
Eidotter am Zenit
Wir hätten das alles
gespiegelt: auf der Gabel
die Tränen, die Scham
in den Tassen das Blut
Granatäpfel in den Gedecken,
die Flut des Regens
am Fenster, das ganze Meer
zwischen die Schalen gepresst.
5
Es sind die Krusten,
wie Krater die Seepocken darauf,
wie Cañons die Rillen, die Furchen
Landschaft von oben im Vogelaug,
ovale Isla incognita,
in Gedanken eben
noch war ich bei dir
im Gehen für einen Moment
ließen dein Gang, deine Form und dass
ich nichts von dir weiß
mich meinen Kopf nach dir verdrehn,
doch hinter der Tür in der Ankunft
liegt das Geheimnis, im ersten
Gedeck, im Salzhauch die Lösung,
im Innern der Schale: Nur du
willst nicht glauben dass auf der Zunge
der Meerschaum nach Aphroditen
und allem was Flut vor die Füße spült schmeckt
und was uns verstellt und scheu macht und einander fremd
verschwindet und klärt sich in ihrem Traumelement
erschienen in Anno 1900, Weimar. Eine literarisch-kulinarische Ausschweifung in 15 Gängen. Hg. von Ricarda Herbrand, Anna Horwitz, Sebastian Loy. Dresden: Edition Azur 2008, S. 16-20. |